Bücher-Spiel-Tonne

Ein Bibliotheksprojekt von Gerda Rui im Schulhaus Volta.

August 2008 - Juli 2009

Erläuterungen zum Titel des Projekts

Zu meinen Kindheitserinnerungen gehört das ehemalige Bücherantiquariat „Die Büchertonne" von Helmut Groth in Laufen. Mein um 8 Jahre älterer Bruder, der viel in der Büchertonne verkehrte, nahm mich als kleines Mädchen öfters dorthin mit. Obwohl ich noch nicht lesen konnte, spürte ich diese magische Anziehungskraft der Bücher in diesem düsteren Antiquariat.

Einmal hiess es sogar, dass Helmut Kafka gekannt hätte. Ich hatte keine Ahnung wer Kafka war, aber mir war klar Helmut kennt Leute von Rang und Namen. Die Bücher und die Leute in diesem Antiquariat hatten immer irgendwie etwas Geheimnisvolles.

Das Wort „Tonne" erinnert natürlich an den Philosophen Diogenes, der vor über 2000Jahren lebte. Er war ein scharfer Kulturkritiker. Für ihn war Philosophie nicht einfach nur Bildungsgut, sondern eine zivilisationskritische Lebensform. Er war eine Art „philosophischer Clown". Heute wäre er so etwas wie ein Performance-Küstler. Er lehrte seine Philosophie nicht in Schulen, sondern er lebte sie radikal - in seiner frei gewählten Behausung einer Tonne.

Auf die Frage, was für ihn das Schönste im Leben sei, antwortete er: „Das freie Wort"! Diogenes war ein hoch verehrter Mann. Alexander der Grosse, der griechische Feldherr, soll sogar gesagt haben: „Wenn ich nicht Alexander der Grosse wäre, möchte ich Diogenes sein."

Mit dem Wort Spiel meine ich das Spiel mit Figuren. In meiner Weiterbildung „Menschenrechts- und Friedenserziehung in Europa", welche ich 2004-2006 gemacht habe, beschäftigte ich mich mit dem Recht auf freie Meinungsäusserung und wie ich dies in der Schule - welches ja nicht unbedingt ein freier Ort ist - bei Primarschulkindern fördern.

Mit den Figuren (Handpuppen) habe ich ein Mittel gefunden, das den Kindern hilft, sich freier zu fühlen. Durch Figuren lässt es sich viel unbeschwerter kommunizieren. Sie befreien ungemein und erleichtern einem sich mitzuteilen.

Ich habe Kinder im Unterricht erlebt, die kaum mit mir gesprochen haben. Sobald sie aber in einer Figur einen Freund gefunden haben, hat es richtig gehend aus ihnen herausgesprudelt. Die Handpuppe musste dann auf ihrem Pult sitzen und es wurde ihm alles nochmals erklärt, was ich den SchülerInnen aufgetragen hatte. Auch im Sprachförderunterricht für fremdsprachige Kinder habe ich ein sehr geeignetes Mittel gefunden. Die Kinder reden automatisch mehr mit Figuren und üben den neu gewonnenen Wortschatz auf sehr lustvolle Weise. Die befeiende Wirkung erlebe ich aber auch bei mir. Ich kann viel unbeschwerter mit den Kindern arbeiten. Bei Streit kann eine Figur als Mediator oft sehr humorvoll helfen, so dass man am Ende auch über sich selbst und den Streit lachen kann.

Beim Figurenspiel können andere Realitäten, welche im Verborgenen im Hintergrund wirken zum Vorschein kommen.

Im Figurenspiel von Mr. Bean, in dem er in einem Einkaufshaus mit Krippenfiguren spielt - weil er ewig auf den Verkäufwer warten muss -, kann man dies wunderbar erleben. Das Krippenspiel artet nämlich in ein Kriegsspiel aus. Sehr humorvoll wird dann das Jesuskind zum Glück gerettet. Man wird schmerzlich daran erinnert, dass auch in der Weihnachtszeit Kriege stattfinden. Durch das humorvolle Spiel wird diese Tragik ertragbar gemacht.

Projektverlauf

Da unser Bibliotheksraum im Schulhaus Volta in zwei Raumteile unterteilt ist, konnte ich in dem kleineren hinteren Raum mit einfachsten Mitteln in ein Figurentheater einrichten. Eine Matratze und Kissen der Leseecke waren schon vorhanden. Die hintere Wand habe ich mit einem schwarzen Tuch verkleidet. Davor stellte ich ein mit demselben schwarzen Stoff eingepacktes Bügelbrett, das nun als Spielfläche dient.

Die Handpuppen stehen daneben auf einem mit Rundstäben bespicktem Brett. Die Requisiten haben im Einbauregal dieses Nebenraumes gut Platz.

Die Handpuppen und die Materialien für die Einrichtung gehören mir persönlich.

Nach den Sommerferien 2008 habe ich das Freizeitangebot einigen Klassen vorgestellt. Da von Anfang an genügend Kinder kamen, habe ich den restlichen Klassen nur noch Informationszettel (siehe Beilage) verteilt.

Seit August 2008 spiele ich zu Beginn der „Bücher-Spiel-Tonne", jeweils am Montagnachmittag von 14-16h, den Kindern immer ganz kurz eine Geschichte vor. Ein Märchen, etwas aus einem Bilderbuch, eine Alltagsgeschichte. Da ich kaum Requisiten habe und nur wenige Figuren, improvisiere ich sehr viel, indem einiges zuerst aus Papier forme oder Figuren erst verkleiden muss.

Danach zeige ich ihnen das Buch, aus dem ich die Geschichte herausgenommen und „zum Leben" erweckt habe. Oft staunen die Kinder und stellen fest, dass ich die Geschichte auch verändert habe.

Nach meiner Darbietung fordere ich die Kinder auf selbst Geschichten zu suchen oder zu erfinden. Wir besprechen auch in welcher Reihenfolge sie spielen dürfen, ob allein zu zweit oder mit mir.

Von diesem Moment an sind die Kinder frei! Es ist ihnen absolut frei- gestellt ob sie etwas tun wollen oder nicht. Sie können lesen, zeichnen, Hörspiele hören, faulenzen, plaudern etc. Ausser wenn jemand vorführen will, möchte ich dass alle zuschauen.

Hier ein paar Beispiele von Vorführungen der Kindern:

Kaotar und Büsra

 

 

 

 

 

 

 

 


Ein Mädchen ist zu Besuch bei seiner Freundin. Sie spielen zuerst mit Puppen. Danach spielen sie Fangis. Zuletzt schauen sie Fernsehen. Da kommt ein Gespenst. Das Mädchen verabschiedet sich und geht nach Hause.
Erstaunlich ist, dass das Gespenst, welches offensichtlich aus dem Fernseher kommt, nicht Angst auslöst. Kein Erschrecken, kein Hilferuf, keine Reaktion wird gespielt. Das Gespenst scheint einfach die logische Folge vom Fernseher zu sein...?

Cyrill

 

 

 

 

 

 

 


Cyrill kommt einige Male und will nie mit Figuren spielen. Er hängt eigentlich einfach ein bisschen herum. Beim 4. oder 5. Mal will er unbedingt spielen. Allein! Er spielt ein sehr gut durchdachtes Stück mit klarem, spannungsvollem Ablauf und einem überraschenden Ende. Eine hervorragende Leistung in jeder Hinsicht - und das ohne zu üben!

Auch wenn man scheinbar nichts tut, passiert ganz viel..

Sera


 

 

 

 

 

Sera spielt absolut chaotisch. Sie packt alles was sie findet auf die Spielfläche. Sera kann keine wirkliche Handlung aufbauen. Ihr deutscher Wortschatz ist sehr gering. Und vor allem kann sie kein Ende finden. Es ist sehr langweilig zum Zuschauen. Die ersten Versuche mit ihr etwas zu spielen sind recht mühsam, da sie sich nicht auf weniger Requisiten und Figuren beschränken will.

Das Märchen vom Wolf und den sieben Geisslein, welches ich vorspiele, möchte sie am darauf folgenden Montag mit mir spielen. Sie will es sogar zweimal spielen. Beim zweiten Mal kann sie dann dem Wolf auch Wolf sagen und nicht nur Fuchs.

Für Sera ist die einfache Handlungsstruktur eine grosse Hilfe.

Durch das mehrmalige Spielen kann Sera ihren geringen Wortschatz erweitern.

 

Büsra


 

 

 

 

 

Büsra kommt von Anfang an regelmässig. Die ersten Male will sie immer mit mir zusammen spielen. Wir wählen je eine Figur und einige Requisiten. Dann improvisieren wir. Später spielt sie dann auch mit anderen Mädchen.

Irgendwann beginnt sie allein zu spielen. Sie wählt meistens die grosse und die kleine Maus. Die kleine Maus ist immer ganz frech zu der grossen.

Die letzten zwei Male spielt sie mit den beiden Mäusen Mutter und Tochter. Dazu nimmt sie noch eine Lehrerin. Die Tochter Maus stellt sich krank und belügt die Mutter, damit sie nicht zur Schule gehen muss. Die kleine Maus ist hinterhältig und frech. Ein richtiges Biest. Die Muttermaus ist unglaublich ahnungslos und entschuldigt ihre kranke Tochtermaus

x-Mal bei der Lehrerin.

Büsra spielt das gleiche Stück mit kräftiger Stimme am nächsten Montag noch einmal.

Ob Büsra zu Hause auch ein solches Biest ist? Im Unterricht habe ich sie eigentlich immer extrem zurückhaltend und still erlebt.

Ich denke, dass Büsra sich richtiggehend ausprobiert und ihre freche Seite zeigen kann. Es scheint ihr richtig Spass zu machen, einmal „die Sau raus zu lassen".

Mit Figuren kann man eben mal Teufel, mal Prinzessin oder sonst was sein, was ich im richtigen Leben nicht bin. Gleichzeitig ist man aber immer geschützt. Sie sind ein wunderbares Instrument für die Persönlichkeitsentwicklung.

 

Aylin

 

 

 

 

 

 

 


Aylin ist das erste Kind, das, nachdem ich eine Engelgeschichte gespielt habe, mit einem anderen Buch mit Engel zu mir kommt um diese zu spielen. Wir lesen zusammen eine geeignete Episode aus dem Buch und basteln noch einen zweiten Engel aus Papier. Dann spielen wir sie den andern Kindern vor.

Meine Bemühungen haben also gefruchtet. Aylin ist die erste, die sich auf die Suche nach Spielideen in Büchern gemacht hat.


Die Magie des Figurenspiels

Heutzutage haben die Methodik und die Didaktik ihren Höhepunkt erreicht. Wir leben richtiggehend in einem didaktischen Schlaraffenland.

„Im System Pädagogik nimmt die Didaktik auch den grössten Raum ein."".... Und alles Übrige muss in einer winzigen, dunklen Kammer hinsiechen" (Bernfeld,1925,s.15). Die Aufgabe der Didaktik ist präzis und kontrollierbar. Der Erfolg der Lehrtätigkeit ist somit überprüfbar. Das Charisma des einzelnen Pädagogen ist nicht entscheidend.

In Lebensläufen vieler Menschen hat aber die Lehrerpersönlichkeit oft eine prägende Auswirkung, wie ich in Erzählungen aus vergangenen Schulzeiten höre oder lese. Zum Beispiel bedankte sich Albert Camus in einem Brief, nachdem er im Jahr 1957 den Literaturnobelpreis gewonnen hatte, bei seinem ehemaligen Volksschullehrer Monsieur Germain: "Ohne Sie, ohne ihre liebevolle Hand, die Sie dem armen kleinen Kind, das ich war, gereicht haben, ohne Ihre Unterweisung und ihr Beispiel wäre nichts von alldem geschehen. Ich mache um diese Art Ehrung nicht viel Aufhebens. Aber diese ist zumindest eine Gelegenheit, Ihnen zu sagen, was Sie für mich waren und noch immer sind, und um Ihnen zu versichern, dass Ihre Mühen, die Arbeit und Grossherzigkeit, die Sie eingesetzt haben, immer lebendig sind bei einem Ihrer kleinen Zöglinge, der trotz seines Alters nicht aufgehört hat, Ihr dankbarer Schüler zu sein"(Camus,1994,S.282). In seinem autobiographischen Roman "Der erste Mensch" erinnert sich Camus sehr wohl auch an die strengen Unterrichtsmethoden von Monsieur Bernard. Man kann jedoch sehen, dass diese Person die Seele von Albert Camus erreicht hat und somit ein wichtiger Wegbereiter für sein späteres Schaffen als Schriftsteller war. "In den anderen Klassen lehrte man sie wahrscheinlich vieles, aber ein wenig so, wie man Gänse mästet. Man setzt ihnen fix und fertige Nahrung vor und bat sie, sie gefälligst zu schlucken. In Monsieurs Germains Klasse fühlten sie zum ersten Mal, dass sie existierten und Gegenstand höchster Achtung waren: Man hielt sie für würdig die Welt zu entdecken. Und ihr Lehrer......eröffnete ihnen sogar sein Privatleben, er lebte es mit ihnen,...."(Camus,1994,S.128).

Die Erziehungsaufgaben, welche Lehrpersonen neben der Lernstoffvermittlung haben, können nur ungenau umrissen werden. Trotz der Fülle an Erziehungsratgebern wird das didaktische Material immer etwas unbefriedigend bleiben. Nur eine künstlerische Umsetzung der Lehrperson vermag dieses Manko zu beheben. Die Schule ist eben eine Institution, die Leben und Lernen trennt. ".....die Schule bietet, ein lehrreiches vielleicht, ein lebensfremdes Experiment....Sie weiss nichts von Trieben und Wünschen.....Triebe, infantile Wünsche sind unsterblich. Tausendmal verdrängt, sie bleiben lebendig"(Bernfeld,1925, S:") Diese Triebe und Wünsche, welche unter der Oberfläche die Verhaltensmuster steuern, gilt es wahrzunehmen. Dazu ist eben eine psychoanalytisch orientierte Pädagogik nötig.

Um die pädagogische Arbeit zu veranschaulichen nimmt Bernfeld das Bild von Sisyphos: "Und die Pädagogiker, die unentwegt den Felsblock der pädagogischen Mittel auf den Gipfel des Idealbergs wälzen, erschienen lächerlich und unnütz: sisyphische Überhebung, von boshaften Göttern mit Mühsal und Erfolglosigkeit bestraft"(Bernfeld,1925,S.39)

Warum misslingt aber diese nützliche, fleissige, gewissenhafte Arbeit ständig. Wer oder was lässt den Felsblock wieder zurückrollen? "Es ist die reine Tücke, Bosheit einer gewaltigen Macht, die es zunächst zu erkennen gilt, soll Sisyphos von seiner Qual befreit werden"(Bernfeld,1925,S.114)

Es ist klar, dass die Erziehungsarbeit ihren Sisyphoscharakter für immer behalten wird - behalten muss. Einen Fortschritt ist nur zu erlangen, wenn man die Qual in Lust umzuwandeln vermag. Also wie Bernfeld meint, mit sportlichem Elan den Stein der pädagogischen Mittel immer wieder auf den Berg zu rollen.

Woher aber immer wieder den Elan nehmen? Vielleicht bietet die pädagogische Intuition einen starken Motor. Dieser Motor wird aber vom Gewissen gebremst. Jede Lehrperson will doch seinen Lehrauftrag gewissenhaft erfüllen und hält sich deshalb sehr an didaktischen Vorgaben fest. "Als konditionierte Angstreaktion hat das Gewissen eine ausschliesslich hemmende Funktion. Es wird errichtet zum Zweck der Eindämmung asozialer und amoralischer Tendenzen im Menschen"(Herzog,1991,S.54). Trotzdem wäre es wichtig, dass Lehrpersonen mehr auf ihre pädagogische Intuition vertrauen dürften, um die starren Vorlagen von didaktisch-methodischen Konzepten zu beleben und ihrer persönliche künstlerische Tätigkeit im Unterricht Platz zu geben. Nach Herzog ist die pädagogische Intuition keine Illusion. Die Pädagogik mit einem mechanistischen Erziehungsverständnis arbeitet mit falschen Modellen, welche die pädagogische Intuition unangemessen modelliert.

Mein Nachdiplom „Menschenrechts- und Friedenserziehung in Europa", welches ich über die Universität Klagenfurt (A) mit anderen Pädagogen aus ganz Europa absolviert habe, brachte mich zum Figurenspiel. Das Thema „Recht auf freie Meinungsäusserung und dessen Förderung in der Schule", hat mich zum Figurenspiel gebracht.

Figuren haben eine magische und befreiende Wirkung! Sie begleiten, geben Schutz, Trost, Halt, Mut, Geborgenheit und vieles mehr.

Beispiele:

„Holzkopf":

Arjanit hat mit mir kaum gesprochen. Er war sehr aggressiv anderen Kindern gegenüber. (Arjanits Vater durfte seinen Sohn nur in Begleitung sehen...)Ich habe im Unterricht eine Kasperfigur namens „Holzkopf" eingeführt. Wenn Arjanit mit Holzkopf sprach, war er kaum zu bremsen. Es sprudelte richtig aus ihm heraus. Der Holzkopf war nun sein Freund, der regelmässig bei ihm auf dem Pult sitzen musste. Arjanit erklärte ihm ganz genau wie er den Papiervogel basteln muss. Normalerweise konnte er sich kaum konzentrieren und störte dauernd die andern. Endlich konnte er einmal ruhig und zufrieden arbeiten. Arjanit hat einen wirklichen Freund bekommen - der auch etwas an Grobheiten einstecken konnte.

„Joggeli"

Bei einer befreundetet Kindergärtnerin, welche auch sehr dem Figurenspiel angetan ist, habe ich auf mindestens 10 Klassenfotos eine kleine Schlupfpuppe entdeckt. Dieser „Joggeli" wollten die Kinder immer mit auf dem Foto haben. Er gehörte zur Klasse. Einmal haben die Eltern eines Kindes der Kindergärtnerin geschrieben und gefragt, wer dieser „Freund von Frau Brodmann" sei, der da ständig im Kindergarten sei. Für die Kinder war der Joggeli eben eine reale Persönlichkeit!

Leider verschwinden in den ersten Klassen der Primarschule. Meist nach den Leselehrgängen. Schade! Zum Beispiel als Gesprächspartner und Begleiter könnten sie weiterhin eine wichtige soziale Rolle übernehmen.

Figuren befreien. Sie entziehen sich der Schwerkraft - auch im übertragenen Sinne.

Hierzu gibt es eine Anekdote von Heinrich von Kleist, in der er über das Marionettentheater schreibt:

Kleist trifft im Winter 1801 in M.... Herrn C., erster Tänzer der Oper.

Kleist ist erstaunt ihn schon mehrere Male im Marionettentheater gesehen zu haben.

.....

„Er versicherte mir, dass ihm die Pantomimik dieser Puppen viel Vergnügen machte, und liess nicht undeutlich merken, dass ein Tänzer, der sich ausbilden wolle, mancherlei von ihnen lernen könne."
Kleist erschien diese Äusserung mehr als ein blosser Einfall.
Kleist erkundigte sich nach dem Mechanismus dieser Figuren.
„Ich fragte ihn, ob er glaubte, dass der Maschinist, der diese Puppen regierte, selbst ein Tänzer sein, oder wenigstens einen Begriff vom Schönen im Tanz haben müsse?
Er erwiderte, dass wenn ein Geschäft, von seiner mechanischen Seite, leicht sei, daraus noch nicht folgte, dass es ganz ohne Empfindungen betrieben werden könne."

....

„Die Linie, die der Schwerpunkt zu beschreiben hat, wäre zwar sehr einfach, und, wie er glaube, in den meisten Fällen, gerad. In Fällen, wo sie krumm sei, scheine das Gesetz ihrer Krümmung wenigstens von der ersten oder höchstens zweiten Ordnung; und auch in diesem letzten Fall nur elliptisch, welche Form der Bewegung den Spitzen des menschlichen Körpers (wegen der Gelenke) überhaupt die natürliche sei, und also den Menschen keine grosse Kunst koste, zu verzeichnen.

Dagegen wäre diese Linie wieder etwas sehr Geheimnisvolles. Denn sie wäre nichts anderes, als der „Weg der Seele des Tänzers"; und er zweifle, dass sie anders gefunden werden könne, als dadurch, dass sich der Maschinist in den Schwerpunkt der Marionette versetzt, d.h. mit anderen Worten „tanzt"."

.....

„Und den Vorteil, den diese Puppe vor lebendigen Tänzern voraus haben würde?

Der Vorteil? Zuvörderst ein negativer, mein vortrefflicher Freund, nämlich dieser, dass sie sich niemals „zierte". - Denn Ziererei erscheint, wie sie wissen, wenn sich die Seele (vis motrix) in irgend einem Punkt befindet, als in dem Schwerpunkt der Bewegung. Da aber der Maschinist nun schlechthin, vermittelst des Drahtes oder Fadens, keinen andern Punkt in seiner Gewalt hat, als diesen: so sind alle übrigen Glieder, was sie sein sollen, tot, reine Pendel, und folgen dem blossen Gesetz der Schwere; eine vortreffliche Eigenschaft, die man vergebens bei dem grössten Teil unser Tänzer sucht."

....

„Zudem, sprach er, haben die Puppen den Vorteil, dass sie „antigrav" sind. Von der Trägheit der Materie, dieser dem Tanze entgegenstrebendsten aller Eigenschaften, wissen sie nichts: weil die Kraft, die sie in die Lüfte erhebt, grösser ist, als jene, die sie an der Erde fesselt."

.....

„Ich sagte, dass, so geschickt er auch die Sache seiner Paradoxe führe, er mich doch nimmermehr glauben machen würde, dass in einem mechanischen Gliedermann mehr Anmut enthalten sein könne, als in dem Bau des menschlichen Körpers.

Er versetzte, dass es dem Menschen schlechthin unmöglich wäre, den Gliedermann darin auch nur zu erreichen. Nur ein Gott könne sich, auf diesem Felde, mit der Materie messen; und hier sei der Punkt, wo die beiden Enden der ringförmigen Welt in einander griffen."

....

Nicht nur beim Tanz, sondern auch in der Sprache wirken Puppen „antigrav". Sie „zieren" sich nicht und bilden einen Weg zur Seele des Spielers. Unbewusstes lässt sich ausdrücken, findet zur Sprache. Sprache und Unbewusstheit stellen keine Gegensätze dar.

Jacques Lacan sagt:

„Das Unbewusste ist ja gleich einer Sprache gebaut:"

„Das Unbewusste ist die Rede des Anderen."

„Es spricht."

Im Film „La double vie de Véronique" von K. Kieslowski kann man Philppe Volter ein Figurenspiel -ohne Worte- spielen sehen, dass die ganze Magie der Puppen zum Ausdruck bringt.

Ausblick

Das Projekt werde ich bis Ende Schuljahr 08/09 weiterführen.

Ob und wie ich es weiterführe hängt ganz von der zukünftigen Unterstützung ab. Auf jeden Fall wäre es sehr schön, wenn die ganze Einrichtung mit Figuren und Requisiten dem Schulhaus erhalten bleiben würde. Somit könnte sie zumindest für Unterrichtszwecke wie z.B. Grundwortschatz und Sprachförder genutzt werden könnte.

Wenn ich leise spreche
hören meine Eltern nicht zu

Wenn ich lauter spreche
hören meine Eltern
immer noch nicht zu
oder sie haben keine Zeit

Wenn ich schreie
sagen meine Eltern
ich soll leise sprechen

Wenn ich leise spreche
hören meine Eltern nicht zu


Manfred Mai

 

Literatur

Bernfeld, S., (1925): Sisyphos oder die Grenzen der Erziehung. Frankfurt: Suhrkamp 1973.
Camus, A., (1994): Der erste Mensch. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2004.
Herzog, W., (1991): Das moralische Subjekt. Bern: Hans Huber Verlag 1991.
Muck, M. und Trescher, H.-G. (Hg.), (1993): Grundlagen der Psychoanalytischen Pädagogik.
Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag 1993.
Trescher, H.-G., (1985):Theorie und Praxis der Psychoanalytischen Pädagogik. Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag 1990.
Mertens, W., (1981): Psychoanalyse. Stuttgart: Kohlhammer 1990
Richter, H.-E., (1978): Zur Psychologie des Friedens. Giessen: Psychosozial-Verlag 1996
Gauda, G., (2001): Theorie und Praxis des therapeutischen Puppenspiels
Wüthrich, K. und Harter, K., Das therapeutische Puppenspiel. Ein Spiegel der Kindlichen Seele. Krugzell:Kösel 2007